Eine Ode an das Senföl

Und wieder hat sich eine Zeitlang nichts hier getan… Irgendwann schaffen wir es, auch mal regelmäßig zu schreiben, aber das Studium frisst eben einfach eine Menge Zeit.
Hinzu kommt, dass ich leider in regelmäßigen Abständen dahingerafft werde – vom Leiden der Mandelentzündung. Dagegen hat mir meine Hals-Nasen-Ohrenärztin ein kleines Zaubermittelchen empfohlen. Natürlich musste ich genau wissen, wie das funktioniert. Und das hat mich sehr tief in die Welt der Phytopharmakologie eintauchen lassen. Meine Erkenntnisse dabei möchte ich mit euch teilen.
Zunächst muss ich einige Begriffe einführen. Getrocknete und aufbereitete Pflanzenteile werden in pharmazeutischen Kreisen als „Drogen“ bezeichnet. Nur bei einem winzigen Teil der in der Literatur aufgeführten Heilpflanzen ist der Wirkmechanismus bekannt. Was man aber sehr genau weiß, ist, dass die Wirkung von Heilpflanzen oft nicht nur auf einen einzigen, isolierbaren Stoff beschränkt ist, sondern aufgrund eines Zusammenspiels mehrerer Inhaltsstoffe der Pflanze hervorgerufen wird.
Es gibt einige wenige pflanzliche Stoffe, die infolge ihrer erwiesenen Wirksamkeit synthetisch hergestellt und als Fertigarzneimittel eingesetzt werden. Einer davon ist die Acetylsalicylsäure, die im Handel als Aspirin erhältlich ist. Dazu wird Jan aber noch einen Beitrag verfassen – sobald er die Zeit dafür findet.
Die meisten Drogen sind als Tee ausgesprochen wirksam, aber wenn die wirksamen Pflanzenbestandteile Wurzeln oder Rinden sind, dann ist es zu empfehlen, eine Extraktion mit Ethanol („Trinkalkohol“) vorzunehmen, zum Beispiel durch Einlegen der Drogen in Doppelkorn (ich habe ein kleines Handbuch zur pflanzlichen Hausapotheke verfasst, wer sich dafür interessiert, kann sich hier gerne bemerkbar machen) und so eine Tinktur herzustellen.
Die Dosis für ein pflanzliches Arzneimittel wird über das Droge-Extrakt-Verhältnis errechnet, das allerdings davon ausgeht, dass die wirksamen Stoffe unter Laborbedingungen extrahiert werden. Das bedeutet, dass man eine Arzneipflanze außerhalb des Labors nicht so dosieren kann, dass die ideale Wirkung erreicht wird, was ein hohes Nebenwirkungsrisiko und das Risiko, dass gar keine Wirkung eintritt, zur Folge hat.
Nun aber zu den Senfölen.
Und zwar war das Mittel, das mir empfohlen wurde, das Fertigarzneimittel Angocin, das aus Extrakten des Meerrettichs und der Kapuzinerkresse besteht. Beide enthalten Senföle. Diese Abkömmlinge der Triglyceride, die die Basis aller Pflanzenöle bilden, enthalten eine Stoffklasse, die sich „Glucosinolate“ nennt. Sie bestehen aus einem Zuckeranteil, der immer Glucose ist – dazu mehr in einem späteren Beitrag – und einen Geflecht aus schwefel- und stickstoffgebundenen Kohlenstoff- und Sauerstoffatomen. Die allgemeine Strukturformel der Glucosinolate seht ihr unten (da mein Zeichenprogramm ausgefallen ist, musste ich das Bild leider aus dem Netz holen, ich hoffe, ihr seht es mir nach. Quelle auf Nachfrage). Glucosinolate-skeletal

Diese Stoffe sind so genannte „Prodrugs“, also Stoffe, deren Stoffwechselprodukte (Metabolite) wirksam sind, sie selbst sind es aber nicht. Durch Aufbrechen der thioglycosidischen Bindung, also der Bindung am zentralen Schwefelatom, entstehen Verbindungen mit Proteinen und roten Blutkörperchen, die als „Isothiocyanate“ bezeichnet werden. Die dabei wesentliche Gruppe sieht so aus: S=C=N. Sie ist NICHT zu verwechseln mit Cyanid, einer hochgiftigen Verbindung aus Kohlenstoff und Stickstoff. Diese Isothiocyanate sind vollkommen harmlos für den menschlichen Organismus (FunFact: Das Salz des Thiocyanats, Kaliumthiocyanat, hat weniger Sicherheitshinweise als Kochsalz), sind aber hochpotent gegen den Befall von Bakterien und Pilzen im Hals- und Rachenraum sowie im Blasen- und Harnwegsbereich. Die bekannten und verwendeten Senfölglycoside (das ist ein anderes Wort für die behandelte Stoffgruppe) sind fast alle antibakteriell, daher werden sie in der Medizin gegen Infektionskrankheiten eingesetzt. Die in Meerrettich und Kapuzinerkresse enthaltenen Senfölglycoside haben eine bakteriostatische Wirkung, das bedeutet, dass sich die Bakterien in ihrer Gegenwart nicht vermehren können und langsam aussterben. Deshalb ist eine Anwendung von Angocin über mehrere Tage oder Wochen notwendig. Bei starken Infektionen oder tiefliegenden Beschwerden (z.B. in Form einer Lungenenzündung) muss dennoch umgehend ein Arzt aufgesucht werden, da in diesem Fall ein Bakteriozid (ein Mittel, das die Bakterien aktiv abtötet) und weitere Maßnahmen angezeigt sind. Aber für die kleine Mandelentzündung zwischendurch ist dieses Mittel genau das Richtige. Und wer es ganz natürlich will, kann ja Kresse und Meerrettich in einem leckeren Gericht verarbeiten. Dabei sollte beides aber nicht zu stark erwärmt und auf keinen Fall getrocknet werden!

Und während man meine Mandeln nun leider trotzdem von außen sehen kann, wünsche ich euch natürlich, dass ihr alle gesund bleibt und von diesem Beitrag ein wenig profitieren konntet.

Bleibt sicher.

-Elisabet

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